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Die ganze Republik schaut nach Berlin-Neukölln – doch Neukölln ist überall! Convertir en PDF Version imprimable Suggérer par mail
Écrit par Anti-Diskriminierungsbüro Berlin e.V.   
04-04-2006
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Seitdem der Offenbarungseid der Lehrerschaft der Rütli-Oberschule aus Berlin Neukölln an die Öffentlichkeit gekommen ist, ist eine bundesweite Debatte losgetreten worden – eine Debatte, die wir im Angesicht der massiven Bildungsbenachteiligung von Migrantenkindern brauchen. Doch Polizeieinsatz und Abschiebungen sind keine Lösungen für lange vernachlässigte Defizite der Bildungspolitik. Darum brauchen wir keine rassistische, sondern eine produktive Debatte, die zu nachhaltigen Konsequenzen führt. Die Rütli-Schule liegt nicht in einem fernen Paralleluniversum; hier zeigen sich massive Probleme, die viele Schulen nicht nur in Berlin betreffen. Die Debatte kann nur sachlich und fruchtbar geführt werden, wenn davon abgesehen wird, die Gewaltprobleme an Schulen zu ethnisieren und einzelne Schulen, Bezirke oder bestimmte Zuwanderergruppen, wie die »der Araber« als besonders gewalttätig zu stigmatisieren. Die ständige Wiederholung und Betonung des 80% Ausländeranteils an der Rütli-Schule hat uns die gewaltproduzierenden Lebenslagen (eventuelle Flucht oder eigene Gewalterfahrungen) der Schüler kein Stück näher gebracht. Statt Sündenböcken brauchen wir politische Verantwortlichkeit für die Probleme dieser Jugendlichen, die noch immer als »Fremde«, Nicht-Integrierte oder gar Integrationsunwillige von der deutschen Gesellschaft marginalisiert werden. Dazu gehört eine Bildungspolitik, die endlich systematisch und konsequent folgende Problemlagen angeht, die längst nicht nur die Rütli-Schule zu bewältigen hat:

  • Wie nach der Pisa-Studie auch zuletzt der UNO-Sonderberichterstatter Vernon Muñoz kritisiert hat, ist das deutsche Bildungssystem sozial und ethnisch diskriminierend. Diese mangelnde Chancengleichheit manifestiert sich an den »Verliererschulen« (Haupt- und Sonderschulen), aus der eine hoffnungs- und perspektivlose Generation nach der anderen entlassen wird.

  • Die gesellschaftliche Hinnahme einer wachsende Kinderarmut zeigt, dass die Solidarität zwischen den Generationen und den unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppen (Kinderlose und Alleinerziehende, »Ausländer« und »Deutsche«) aufgekündigt wird. Dem Zusammenhalt der Gesellschaft würde es mehr dienen, den vorhandenen Kindern und Jugendlichen eine Zukunft zu schaffen, als zu versuchen, die Gebärwilligkeit der »deutschen« Frauen herbeizureden.

  • Wie Polizeistatistiken belegen, hat die Gewalt an den Schulen nicht zugenommen, aber sie ist brutaler geworden. Das wird auch bei den Beispielen der letzten Tage aus Mannheim und Berlin-Zehlendorf deutlich. Die Hintergründe dafür sind komplex und müssen dementsprechend mit zusätzlichen Fachkräften und Programmen angegangen werden. Jede Ethnisierung dieser ernstzunehmenden Probleme spaltet die Gesellschaft.

  • Deutschland ist ein Einwanderungsland und heute schon hat mehr als ein Fünftel der deutschen Schüler einen Migrationshintergrund; um diesen Faktum zu begegnen, muss es nicht nur frühzeitige Sprachförderung geben, sondern auch Schulen, die sich von ihrem Gesamtethos her interkulturell öffnen.

Reza Rassouli
Vorstand ADB Berlin e. V.

 
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